Archer – Staffelreview (Season 1)

Archer

Kommen Sie ran, werter Herr, nehmen Sie Platz, schöne Frau! Es erwartet uns eine Premiere. Ich bin wahrlich kein expliziter Freund des Zeichentrickfilms oder von Zeichentrickserien. Mir fehlt da wohl irgendwie der Zugang oder irgendetwas ist nach „Dr. Snuggels“, „Wickie und die starken Männer“ oder der „Biene Maja“ mit meinem kindlichen Gemüt passiert. Aber Zeichentrickserien wie „Die Simpsons“ oder „Family Guy“ sind mir ziemlich egal. Wenn irgendwo auf dieser Welt eine neue Zeichentrickserie angepriesen wird, klicke ich weiter oder skippe meinen Audioplayer. Dies wird sich nach dem Genuss der ersten Staffel von „Archer“ auch nicht großartig ändern, ab sofort weiß ich aber wie ich meinen erstgeborenen Sohn nennen werde und eine Antwort auf die Frage, ob ich denn auch Zeichentrickserien schaue: Sterling Malory Archer is in the house!

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(… unser Sportskamerad Sterling Malory Archer – immer im Einsatz)

Zudem scheine ich meine sexistische und rassistische Seite mit dieser Serie ausleben zu können, denn für nichts anderes steht die Hauptperson dieser kurzweiligen, 20 Minuten pro Folge dauernde Zeichentrickserie und ich habe Freude daran. Sterling Malory Archer ist ein arroganter Geheimagent beim „International Secret Intelligence Service“, kurz ISIS. Sein Ruf eilt ihm weltweit voraus. Er, der vermeintlich gefährlichste Geheimagent der Welt, erledigt erst seine Aufgaben im Handumdrehen und nimmt dann bondmäßig die Damen mit aufs Zimmer. Ohne sie zwingen zu müssen, da alle Frauen in seinen Armen zu Butter werden.

Bis vielleicht auf zwei Frauen, die eine ist seine Chefin, die andere, seine Ex-Freundin und Kollegin. Die Chefin ist zugleich noch seine Mutter, die ihren Sohn meist so behandelt, als wäre er noch minderjährig – er verhält sich des Öfteren aber auch noch so – und die Ex-Freundin und Kollegin ist Lana, eine taffe und wirklich exzellente Geheimagentin. Nicht minder sexy anzuschauen aber angeekelt vom Charakter Archers. Wobei man sich nicht immer sicher sein kann, dass in ihrem gezeichneten Herzen nicht doch noch ein Plätzchen für unseren Protagonisten freigehalten wird.

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(… those were the days)

Der Rest der Figuren, die diese Zeichentrickserie bevölkern, gehören hauptsächlich zu ISIS und sind wie alles an dieser Serie stark stereotyp überzeichnet. Wir haben den schwulen Ray, ebenfalls Agent, den schüchternen Cyril, Buchhalter und Lebensgefährte von Lana in der ersten Staffel sowie die überdrehte und übergewichtige Pam, die Personalchefin von ISIS. Aber wir haben auch einen internationalen Konkurrenten mit ODIN und seinen eher unfähigen Agenten und natürlich den russischen KGB mitsamt seinem Chef Nikolai, der seit Jahrzehnten eine romantische Fernbeziehung zu Archers Mutter Malory pflegt und man des Öfteren dem Eindruck ausgesetzt wird, dass Nikolai der leibliche Vater Archers ist.

Die Inhalte der einzelnen Folgen spielen sich eigentlich immer nach demselben Muster ab. ISIS erhält einen Auftrag, den Archer meist versemmelt, Lana die Geschichte rettet und irgendjemand mit irgendjemanden Sex hat. Denn Sex geht immer. Es dürfte in der Serie niemanden geben, der nicht einmal pro Folge eine sexistische Andeutung macht. Zudem erleben wir skurrile Situationen, kindische Szenen und Witze und sehr oft sehr lustige Dialoge. Archer ist im Grunde eine wandelnde Punchline mit Pistole und locker sitzender Hose.

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(… die treusorgende Mutter – man siehts am Blick)

Dieses Gemisch macht dann auch den Unterhaltungswert von „Archer“ aus. Wir erleben das abenteuerliche Leben von Geheimagenten aber im Grunde ist es eine skurrile Version von „The Office“. Denn das Leben bei ISIS spielt sich sehr häufig in den eigenen vier Wänden ab und im Mittelpunkt neben dem Auftrag der Woche stehen die gängigen Probleme im Büroalltag.

Sagte ich schon, dass man sehr häufig „nackte Haut“ sieht? Meist steht Archer ohne Hose im Gang während die Welt um ihm herum mit Blei gepumpt wird. Einfach weil das seine ureigenste Aufgabe in der Serie ist. Und die beherrscht er 1a.

Mir hat die Staffel großen Spaß gemacht und ich denke, dass der Zeichentrickstil, den ich sympathisch Retro finde, anstatt einer Realverfilmung den gewählten Comedyansatz unterstützt bzw. für mich erst möglich macht. Ich bin überzeugt davon, eine Serie wie „Archer“ in Realverfilmung käme bei mir nicht so gut an. Da würde ich dann eher den stumpfen und naiven bisweilen mehr als sexistischen Humor ankreiden, und „das man sowas doch in dieser Häufigkeit echt nicht bringen kann“. Aber durch die Zeichentrickfiguren hat man ausreichend Abstand. Zudem hat der Humor kein „echtes“ Ziel wie irgendetwas gesellschaftskritisches, was ich bei einer Realverfilmung durchaus erwarten würde. Aber das will die Serie gar nicht. Sie will gar nicht jeden überzeugen.

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(… Ende gut, alles gut!)

„Archer“ wird die Zuschauer demnach spalten, die einen schalten sofort angewidert ab, die anderen lachen laut und oft über kindische und sexistische Witze. Und über sich selbst, dass man diese für Erwachsene geschriebene Zeichentrickserie unterhaltsam und lustig findet obwohl man doch weiß, dass man über solche Witze einfach nicht lachen sollte.

Aber manchmal ist eine Punchline eben einfach nur die gute Pointe eines schlechten Witzes. Dafür darf man uns Zuschauer nicht verantwortlich machen.

Wir lachen ja nur. Ok, oft.

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