Bosch – Staffelreview (Season 1)

Bosch

Die Literatur spricht bei „hardboiled detectives“ von einem Gesetzeshüter, der eine illusionslose bis zynische Sicht auf die Dinge unserer Welt tief in sich vergraben hat, der zur Selbstjustiz neigt und selber am Rande der Legalität wandelt. Oft darüber hinaus. Die Schusswaffe wird in den meisten Fällen schneller gezogen, als man die Frage „Hey, war das der Kerl, den wir suchen?“ überhaupt formulieren kann. Sein literarisches Gegenstück ist der melancholische Kriminalkommissar, der im stillen Kämmerchen vor einem Zettelhaufen mit wichtigen Notizen sitzt, grübelt, und aufgrund von selbstzusammengereimten Indizien und meisterhaft vorgeführten Vernehmungen der Wahrheit auf der Spur ist. Hieronymus „Harry“ Bosch ist all das nicht, er ist eher eine Mischung aus diesen Zutaten. Sein Charakter tendiert zwar klar in Richtung des hardboiled Stereotypen aber in Schlüsselszenen geht der in den letzten Schritt dann doch nicht und im Nachhinein werden einzelnen Szenen verständlich – unsere Hauptfigur ist mehr als ambivalent und dadurch interessant. Die Geschichten, die die erste Staffel von „Bosch“ erzählt, können hier nur wohlwollend mithalten.

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( … eine verhängsvolle Begegnung in der Nacht)

Bosch, gespielt von Titus Welliver, ist ein anerkanntes Mitglied des LAPD, Kriegsveteran, geschieden und lebt in einem modernen Loft oberhalb der Stadt mit einem Blick über L.A., der seinesgleichen sucht. Leisten kann er sich diesen mondänen Wohnstil, da einige seiner Fälle in einem Kinofilm verewigt worden sind und er persönlich am Set des Films anwesend war und den Filmemachern beratend zur Seite gestanden hat. Diese moderne Wohnung steht im klaren Gegensatz zu seinem sonstigen Auftreten. Bosch steht für die altbewährte Art des Polizeiberufes, er ist auf den Straßen L.A.‘s zu Hause, recherchiert und grübelt auf den Highways der Stadt vor sich hin. Büroarbeit ist eher weniger Bestandteil seines Arbeitsethos. Abends genießt er seine Mordakten mit einem Glas Rotwein und einer guten Jazzplatte, die sich auf einer sehr schönen aber wiederum sehr modernen Anlage dreht und über einen kostspieligen Röhrenverstärker durch den Raum hallt. Bosch hat Geschmack, keine Frage.

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( … home is where you can see the sky)

Bosch hat aber auch gewaltige Probleme, die sein Beruf und sein gesamtes Auftreten mit sich bringen. Die Staffel beginnt mit einer Verfolgungsjagd zu Fuß, die in einer dunklen Gasse mit dem Tod des Verfolgten endet. Bosch argumentiert mit einem dienstlichen Schusswaffengebrauch, da der Verfolgte seine Waffe gezogen habe, die Familie des Opfers verklagt Bosch vor einem Zivilgericht auf Schadensersatz aufgrund widerrechtlicher Tötung. Als Zuschauer tappt man ebenfalls im Dunkeln, da man es nicht genau sieht. Zum Nachteil wird Bosch seine bisherige Karriere gereicht, die Personalakte scheint mehr als die üblichen Urlaubsanträge zu beinhalten, sowie das Fehlen seines Partners, da dieser die beiden Männer in den Straßen L.A. verloren hatte und erst nach dem tödlichen Schuss am Tatort eintraf. Es sieht also anfangs nicht allzu gut aus für unseren Helden.

Daher legt man ihm auch nahe, dass er zuhause auf den Ausgang seines Prozesses warten soll, da er vom Dienst freigestellt worden ist. Aber Bosch wäre nicht die Hauptfigur dieser Serie, wenn er nun seine gesamte Art Pepper Vinyl-Sammlung katalogisieren würde und nicht seinem Drang seiner Arbeit nachzugehen, nachgeben würde. Und so nimmt die zweite Handlung, die Staffel umspannende Geschichte der grausamen Ermordung eines kleinen Jungens, der nach 15 Jahren seines unaufgeklärten Verschwindens von einem Hund in den Wäldern L.A. gefunden wird, seinen Lauf.

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( … Kinder als Opfer sind immer emotional belastend – für die Figuren wie den Zuschauer)

Über diesen Handlungsfaden wird zudem eine dritte Geschichte in die erste Staffel einbezogen, die einen Serienkiller als Protagonisten hat. Einen Serienkiller, Raynard Waits, der dieser Bezeichnung mehr als gerecht wird. Und meisterhaft von Jason Gedrick gespielt wird.

Drei Geschichten in einer Staffel? Das hört sich nach wahnsinnig viel Stoff an. Und dem wäre auch so, wenn die Serienproduzenten die Inhalte der Ursprungsliteratur der Harry-Bosch Romane 1=1 der ersten Staffel zugrunde gelegt hätten. Die erste Staffel basiert zwar auf den Inhalten zweier Romane aber die Geschichten wurden gekonnt miteinander verwoben. Die erste Geschichte mit der Gerichtsverhandlung dient der charakterlichen Einführung der Figur des Hieronymus Bosch und der ständigen Ablenkung von seinen beiden Hauptfällen durch die einseitige Berichterstattung durch die Medien sowie als Hintergrund für gewisse politische Spielchen und Strategien seines Deputy Chiefs sowie des zuständigen Staatsanwaltes, die beide auf ihre eigene Weise versuchen, mal durch die Hilfe Boschs, mal durch Verleugnung ihre eigene Karriere zu schützen bzw. zu fördern. Der eine will Polizeichef von L.A. werden, der andere Bürgermeister der Stadt. Und Bosch ist mittendrin in dieser politischen Schlacht. So wabert die Anfangsgeschichte immer wieder durch die einzelnen Folgen, konkret gefährlich wird es für Bosch aber nie.

Allerdings begünstigt die einseitige Berichterstattung nicht gerade seine Ermittlungsarbeit in den beiden anderen Fällen. Sie werden eher noch torpediert. Interessant wird für Bosch die Serienkillergeschichte insbesondere dann als dieser behauptet auch den besagten Jungen vor 15 Jahren vergewaltigt und vergraben zu haben. Als Gegenleistung zur Nennung weiterer, bislang unbekannter Opfer verlangt Raynard Waits den Verzicht auf die Todesstrafe. Doch Bosch traut Waits ganz und gar nicht, was den bereits erwähnten Staatsanwalt O’Shea aber nicht davon abhält, den Besuch eines Tatorts mit Waits im Schlepptau, medienwirksam ausschlachten zu wollen. Ein großer Fehler, wie sich herausstellen wird.

„Bosch“ erzählt also die Geschichten des aufrechten Polizisten Hieronymus „Harry“ Bosch. Und dieser Polizist entspricht erst einmal auch dem typischen Klischee derartiger Zeitgenossen. Er ist geschieden, sieht seine Tochter eher selten, wohnt alleine, hält eher lose Beziehungen zu Frauen und gilt nicht nur bei seinen Kollegen als Einzelgänger. Zudem ist er in L.A. als harter Hund bekannt. Allerdings wird im Laufe der ersten Staffel immer mehr über den Menschen Bosch erzählt und in die Handlung als relevanter Bestandteil aufgenommen. Man versucht dadurch nicht, Bosch für den Zuschauer interessanter zu machen, sondern die immer neuen Fakten zum vor allem jugendlichen Hieronymus Bosch sind essentiell wichtig für die weitere Handlung der Staffel und für die Aufklärung des Falles. Handwerklich sehr gut aufeinander abgestimmt.

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( … eine Schlüsselszene der ersten Staffel)

So erfahren wir u.a. dass Bosch ein Scheidungskind ist und seine Mutter eine Prostituierte war, die eines Nachts von einem Freier ermordet wurde, worauf der vielleicht 12jährige Hieronymus in ein staatliches Kinderheim kam. Keine wirklich allzu schöne Kindheit. Aber für die Charakterentwicklung der Figur ungemein wichtig, um die Sichtweisen und Vorgehensweisen des älteren Bosch zu verstehen.

Das Setting und die Geschwindigkeit der Serie ist mit Serien wie „True Detective“ durchaus vergleichbar, in einer Szene (Stichwort Labyrinth) könnte man sogar behaupten, ähneln sich beide Serien sehr. Und dies ist auch zugleich mein großer Kritikpunkt. Denn dies ist genau das, was ich auch bei „True Detective“ kritisiert habe. Im Mittelteil der ersten Staffel ziehen sich die Handlungsstränge etwas, insbesondere durch die erwähnte Gerichtsverhandlung.

Das atemberaubende letzte Drittel der Serie allerdings, das Katz-und-Maus Spiel zwischen Bosch und Waits, entschädigt für vieles. Die Gefühlswallungen des Hieronymus Bosch, seine Ängste, seine Wutausbrüche und seine Verletzlichkeit sind ab diesem Zeitpunkt nicht nur cineastisches Mittel zum Zweck, sie kommt sehr direkt beim Zuschauer an, sie berühren ihn, sie holen ihn vollends in die Handlung, die er aufgrund der Kindesthematik eh schon betreten hat. Ab diesem Zeitpunkt brilliert Titus Welliver als Bosch auch, vorher war er eher so medioker in meiner Wahrnehmung. Erst im letzten Drittel kann Welliver meines Erachtens den Anspruch, den man an die Figur des Hieronymus Bosch stellt, gerecht werden.

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( … Bosch und sein Partner Jerry)

Denn der Name Hieronymus Bosch wurde vom Buchautor der Romanserie, Michael Connelly, nicht ohne Grund gewählt. Er soll der Figur des Polizisten Harry Bosch gleichsam sein eigenes Weltbild mit auf dem Weg geben bzw. uns als Zuschauer bzw. Leser den Erwartungsrahmen vorgeben. Hieronymus Bosch ist auf dieser Welt, um als Moralist, der er im Grunde seines Herzens ist, einer chaotischen Welt sein Verständnis von Ordnung und Gerechtigkeit beizubringen. Die Bilder des niederländischen Malers gleichen Namens sollen diesem Bild ähneln. Sagt die Kunstwelt. Man möchte ihr glauben.

Nicht unerwähnt lassen möchte ich zudem die Rolle des kurzzeitigen love interests, Julia. Julia Brasher ist ein Rookie in der Polizeistation mit mehr als großen Ambitionen. Sie sieht sich zu Größerem berufen, was im Endeffekt dazu führt, dass es zwischen beiden nicht klappt, da Bosch mit diesem Selbstverständnis und aus seiner eigenen Erfahrung heraus nicht umgehen kann. Julia ist stur, lässt sich vom erfahrenen Bosch nichts erzählen. Zudem führt das Verhalten Julias zu einem konkreten Zwischenfall, der zum endgültigen Bruch der beiden führen wird. Aber ein Held braucht eben auch immer eine emotionale Seite und eine Dramaserie eine Sexszene. Das ist ein wenig die Funktion von Julia. Wobei die Figur der Julia Brasher in der Tat in der Romanserie vorkommt und dort eine nicht unwesentliche Rolle spielt.

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( … Julia – nur kurzzeitig eine willkommene Ablenkung von den Mordfällen)

Eine weitere Nebenrolle verkörpert Jamie Hector als Jerry Edgar, der Partner von Bosch, der ebenfalls nicht sonderlich erinnerungstechnisch Bestandteil dieser ersten Staffel ist. Würde diese Person fehlen, es hätte kaum Auswirkungen auf die Handlung. Also kein Vergleich zu Marlo Stanfield aus „The Wire“, den Jamie Hector zuvor großartigst eine Stimme und ein Auftreten gegeben hat. Die weiteren Rollen sind nebenbei bemerkt ebenfalls völlig angemessen besetzt, wie die des Deputy Shiefs mit Lance Reddick (auch The Wire) oder mit Sarah Clarke (24) als die Ex-Frau Boschs.

Die erste Staffel von „Bosch“ verspricht viel, löst dieses Versprechen aber im Endeffekt durch sein atemberaubendes Finale ein auch wenn man die Reihenfolge der Auflösung der beiden Kriminalfälle kritisieren kann. Umgedreht wäre es aus meiner Sicht ein grandioses und brillanteres Finale gewesen, aber u.U. wollte man Game of Thrones mäßig das Highlight der Staffel nicht in die letzte Folge platzieren sondern kurz davor. Kann man machen.

Allerdings darf die Begeisterung über das Finale nicht darüber hinwegtäuschen, dass uns die Serie keinen neuen Einblick in das Polizeigewerbe bietet wie seinerzeit „The Wire“. Wir haben hier bekannte Serienkost mit einem guten Cast. Nicht mehr aber auch nicht weniger. Der schlussendlich mitschwingende „Retrostyle“ ist natürlich Folge der literarischen Grundlage aus der Jahrtausendwende. Das ist nämlich auch schon wieder 15 Jahre her. Das ist aber ein ganz anderes Thema …

Eine klare Serienempfehlung – die ist mal so richtig awesome!

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