Jonathan Strange & Mr Norell – Serienreview

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Die Grundprämisse der siebenteiligen Serienproduktion ist die natürliche Gegenwart von Magie im britischen Alltag Anfang des 19.Jahrhundert. Zumindest in der Theorie, da sie seit 300 Jahren in England nicht mehr öffentlich praktiziert wird. Magie ist in dieser Welt etwas, was man lernen kann. Die einen haben Talent, die anderen weniger. Die heutigen Magier, allesamt nur Theoretiker, treffen sich in Zirkeln und frönen eher dem Bier als der Anwendung von Magie. Was mag wohl vor 300 Jahren passiert sein? Gleich zu Beginn der Serie werden wir Zeuge einer Diskussion während eines solchen Treffens, als ein neues und noch neugieriges Mitglied der Runde die eine, offensichtliche Frage stellt: „Why is magic no longer done in England?“. Wäre die Serie ein Song, wäre diese Frage seine Basslinie.

Na da winden sich die Herren Magier aber und verhöhnen den Fragesteller eher, als das sie auf diese Frage antworten. Der Fragesteller aber, Mr. Segundus, lässt sich von seiner Frage nicht abbringen und findet abseits von York ein Anwesen, in dem ein eigensinniger und verschlossener kleiner Mann in einer riesigen Bibliothek haust, bestehend aus den wertvollsten Büchern und Aufschreibungen zur Magie an sich, die man sich als Magier vorstellen kann. Die Rede ist von Mr.Norell, der ersten Hauptperson der Serie. Mr. Norell ist kein reiner Theoretiker, wie er später in einer öffentlichen Präsentation vor dem Magierzirkel Yorkshires beweisen und er sie vollends von seinem Können überzeugen kann. Und dem Zuschauer macht die erste Szene angewandter Magie großen Spaß, mehr als den anwesenden Magiern, die größtenteils panisch den Ort des Geschehens verlassen. Wirklich schön inszeniert und tricktechnisch umgesetzt, wie Norell die steinernen Figuren in einer Kirche zum Leben erweckt.

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(… der Gentleman with the thistle-down hair ist eine wahrlich mysteriöse Figur)

Diese Szene, die mich an die finale Entscheidungsschlacht im letzten Harry Potter Film erinnert, nehme ich mal kurz zum Anlass, hierüber ein paar Worte zu verlieren. Der Vergleich zu den Harry Potter Filmen und der dort erzählten Welt ist natürlich naheliegend. Auch die Texteinblendungen der beteiligten Schauspieler und der Titel der Folge sind sehr harrypotteresk. Von der Schriftart her als auch in der Art ihres Verschwindens nach der Einblendung sind schon klare Parallelen zu erkennen. Auch „Jonathan Strange & Mr.Norell“ arbeitet mit einer musikuntermalten Atmosphäre, die passend zur Szene und zur Stimmung eingesetzt wird. Plagiatsvorwürfe halte ich aber für völlig unangebracht. Der Stoff auf dem die Serie basiert ist ein Roman gleichen Namens der britischen Schriftstellerin Susanna Clarke, den sie 1993 angefangen hat zu schreiben, mit anderen Worten vor der Veröffentlichung des ersten Harry Potter Romans. Zudem sind die beschriebenen Welten unterschiedlich, die Ausrichtung und der Kern der Geschichte nicht vergleichbar. Und so sehr ich mir auch eine filmische Fortsetzung der Harry Potter Welt wünsche, diese Serie ist es nicht. Und will es auch gar nicht sein.

In der Serie selbst kommt es recht früh dazu, dass wir den inneren Antrieb im Leben von Mr.Norell kennenlernen. Er will der bekannteste und angesehenste Magier seiner Zeit werden und allein dafür sorgen, dass die Magie zurück in den Alltag der Menschen tritt. Die Engländer sollen wieder respektvoll mit Magiern umgehen und die positiven Aspekte dieser Kunst zu schätzen wissen. Er möchte die Magie aus den trostlosen, verschmähten und dunklen Gassen zurück auf die Prachtstraßen Englands führen. Mit einer Statue seiner Selbst auf dem Paradeplatz.

Mr.Norell ist mehr als überzeugt davon, dass nur er allein das notwendige Wissen besitzt die Magie zu neuer Blüte zu führen. Ein Wissen, welches er sich durch jahrzehntelanges theoretisches Studium unzähliger Bücher in seiner Bibliothek angeeignet hat. Diese tief in ihm sitzende Arroganz anderen Magiern gegenüber, vor allem den theoretischen, und sein angedeutetes Selbstverständnis kann Norell anfangs noch durch seine sehr zurückhaltende Art verbergen. Aber man merkt schnell, welcher Mutter Kind er ist. Ein stückweit mysteriöser und deutlich angriffslustiger kommt dagegen sein Assistent und Begleiter, John Childermass, daher. Ein wahrlich listiger und mürrischer Zeitgenosse. Er fungiert zu Beginn mal als Beschützer, mal als Befürworter, dann wiederum als Antreiber von Norell, der sein Können zunächst nur widerwillig öffentlich präsentiert, da er nicht als ein weiterer Gaukler verstanden werden will. Childermass ist es auch, der dafür sorgt, dass Norell einen Audienztermin beim britischen Verteidigungsminister erhält, da Norell seinem Land mit seinen magischen Fähigkeiten gerne im Krieg gegen das Frankreich Napoleons behilflich sein möchte. Denn dies ist sein eigentlicher Plan, über die Eliten die Masse gewinnen. Und einen Krieg.

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(… vor der Ausübung der Magie hat man sich ins theoretische Studium zu vertiefen)

Im Gegensatz zu dieser düsteren Färbung dieser beiden Charaktere hätten wir Jonathan Strange, die zweite Hauptfigur. Der helle Lichtpunkt der Serie. Die Optik des Settings passt sich vor allem zu Beginn der Serie immer wieder an, je nachdem welche der beiden Hauptfiguren gerade im Bilde ist. Insbesondere bei der Einführung der Figuren. Während Norell mürrisch in seiner dunklen Bibliothek sitzt und später zur Geisterstunde seine magischen Tricks vorführt, sehen wir Strange am helllichten Tage über blühende Felder reiten und sich ein wenig slapstickmäßig an einem Fenstersims einer kleinen Kirche hochziehen, da er zu spät zum Gottesdienst erschienen ist und er vermeiden will, dass seine Angebetete, Arabella, davon Wind bekommt. Dumm nur, dass sie extra für Jonathan einen Platz freigehalten hat.

Jonathan Strange ist Sohn eines Großgrundbesitzers, vermutlich niederer Landadel, der von seinem Vater finanziell an der kurzen Leine gehalten wird und selber kein Interesse an der Führung des Besitzes zu haben scheint. Zu anderen Arbeiten allerdings sieht sich Strange ebenfalls außerstande. Dumm nur zum Zweiten, dass Arabella klare Vorstellungen hat, was ihren zukünftigen Ehemann betrifft. Denn dieser sollte eine respektable Anstellung vorweisen können. Sie liebt zwar ihren Jonathan, aber das Thema Ehe wird so lange auf die selbige Bank geschoben, wie es Strange nicht schafft, eine derartige Anstellung vorweisen zu können.

Diese Möglichkeit tritt dann in Person von Vinculus ins Leben von Jonathan Strange. Vinculus, ein an einen Hofnarren erinnernden Gaukler, der in den dunkleren Gassen Londons Zaubersprüche gegen allerlei Krankheiten verkauft und ansonsten vor seinem Zelt vagabundiert. Wie wir aber recht schnell erkennen, ist auch Vinculus in der Lage mit Magie umzugehen. Zudem weiß Vinculus einige Geschichten über einen gewissen Raven King zu erzählen. Man weiß als Zuschauer nie, ob dieser Raven King existiert oder jemals existiert hat. Aber seine Geschichten werden, das scheint schnell klar, eher zum Gruseln von kleinen Kindern erzählt als das sie als angemessene Unterhaltung am Mittagstisch akzeptiert werden würden.

Aber Vinculus erzählt nicht irgendeine Geschichte des Raven Kings, er erzählt von einer Prophezeiung, dass die Magie nach England zurückkehren wird.

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(… Vinculus hat nicht nur Backrezepte in seinem Umhang)

Und nicht nur das. Vinculus ist es, der in Jonathan Strange den zweiten Magier neben Mr.Norell zu erkennen glaubt, den die Prophezeiung vorhersagt. Das ungewöhnliche dabei ist, dass Jonathan Strange bisher noch rein gar nichts mit Magie zu tun hatte. Aber bereits am Abend passieren ungewöhnliche Dinge und das Leben des Jonathan Strange als auch das des Mr.Norell werden ab sofort nicht mehr das sein, an das sie sich bisher gewöhnt und für sich vorgestellt hatten.

Denn sie kennen nur die eine Hälfte der Prophezeiung. Und als Mr.Norell zur Wiederbelebung der toten Verlobten des Verteidigungsministers zur Demonstration seiner Künste, eine mysteriöse und offensichtlich gefährliche Figur aus einer Art Zwischenwelt herbeizaubert, die der Toten wieder Leben einhaucht, ist die mystische und geheimnisvolle Melange dieser kleinen aber feinen Serie komplett. Denn diese Figur verlangt einen hohen Preis für ihre Dienste, den Norell zunächst gerne zu zahlen bereit ist. Nach einer Zeit der Begeisterung aber wünscht sich nicht nur Norell, diese Dienste nie in Anspruch genommen zu haben.

Im weiteren Verlauf der sieben Folgen sehen wir dann, wie Strange und Norell anfangs zusammenarbeiten und Norell begeistert die Ausbildung von Jonathan Strange übernimmt. Denn er erkennt in ihm großes magisches Potenzial. Allerdings lässt er Strange vorrangig Bücher studieren als durch praktische Übungen der eigenen Kreativität und Neugierde freien Lauf zu lassen. Norells Vorstellung von „modern english magic“ ist klar umrissen, mit allerlei Zaubersprüchen rund um Regenschauer und optische Täuschungen will er eine ganz bestimmte Seite der Magie nicht zum Vorschein kommen lassen. Norell hat gehörige Angst vor der Magie der alten Zeit, auch wenn er sie selbst bei der Wiederbelebung der Verlobten des Ministers angewandt hatte. Strange selbst erkennt in sich ein echtes Talent genau für diese Art der Magie, die gewaltiger und gefährlicher ist, als die Macht Wolken aufziehen zu lassen, um die Vorwärtsbewegung der französischen Truppen zu behindern.

Denn es ist Strange, den die britische Armee zum „königliche Militärmagier“ ernennt und ihn zu Lord Wellington nach Frankreich entsendet. Sehr zum Ärger Norells, der diese Schmach nur amateurhaft verbergen kann und sich hinter seinem Verständnis von moderner Magie versteckt. Strange selbst entwickelt in Europa eigene magische Fähigkeiten so dass ab dem Zeitpunkt der Rückkehr, das Verhältnis zwischen Norell und Strange unwiderruflich entzweit zu sein scheint. Strange will diesen Part der Magie weiter erforschen und wird mehr schlecht als recht immer wieder von Norell daran gehindert. Dennoch gelingt es Strange, die verborgenen Kommunikationswege und den Weg ins Zwischenreich, der seinerzeit vom Raven King angelegt worden ist, zu entdecken.

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(… Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der beste Magier im ganzen Land?)

Je weiter man in der Handlung fortschreitet, desto größer wird die Distanz zwischen diesen Männern. Zudem wächst und wächst die Machtausübung der von Norell herbeigerufenen Gestalt, die in der Handlung als „The Gentleman“ bezeichnet wird, immer weiter. Er scheint einen großen Plan zu verfolgen, der damit begann, dass Norell ihn nach 300 Jahren in der Vergessenheit seines Reiches zurück in die Gegenwart geholt hat.

Die Serie überzeugt neben der fantastischen Geschichte insbesondere durch ihr Setting und zahlreiche Handlungsorte, die Ausstattung an Kostümen ist wahrlich gelungen. Man hat aber nie das Gefühl, den Überblick zu verlieren. Den Gegenpol, den Strange und Norell nach und nach zueinander aufbauen, die unterschiedlichen Charaktere die sich entwickeln, ist in sich stimmig und wunderbar anzusehen. Und es wäre keine britische Seriengeschichte, wenn nicht hier und da ein wenig der dunkle britische Humor durchschimmern würde.

Die gesamte Geschichte mit ihren insbesondere dann auch sehr starken optischen Szenen, wenn „The Gentleman“ in die Handlung einbezogen wird und wir uns zusammen mit den Protagonisten in der Zwischenwelt befinden, wird getragen von ihren ausgezeichneten Schauspielern. Bertie Carvel (Strange) und Eddie Marsan (Norell) verkörpern die beiden Hauptfiguren, wie sie sich die Leser der Originalvorlage wohl insgeheim vorgestellt haben. Der gegenseitige Respekt aber auch das gegenseitige Nichtverständnis spiegelt sich wunderbar auch mal unausgesprochen in der Mimik wieder.

Ganz besonders muss man aber Marc Warren als „The Gentleman“, Enzo Cilenti als „Childermass“ und Paul Kaye als „Vinculus“ hervorheben, die als Nebencharaktere vollends überzeugen und es mich nicht wundern würde, wenn einer der Drei bei den nächsten BAFTA Awards („die britischen Emmys“) in der Kategorie „bester Nebendarsteller“ zumindest nominiert werden würde.

„Jonathan Strange & Mr.Norell“ stößt mit seinen sieben Folgen keine neue Türen auf oder revolutioniert das Fernsehseriengeschäft. Allerdings setzt es Maßstäbe was Erzählkunst und Darstellung magischer Erzählungen im Serienformat angeht, an den sich die nächsten Serien in diesem Genre messen lassen müssen. Hoffen wir, dass noch viele derartige Geschichten erzählt werden.

Einen glasklare Empfehlung, zudem, da die Miniserie bei Amazon für Prime Mitglieder kostenlos und sogar in deutscher Synchronisation verfügbar ist. Also rüber!

Das obige Review habe ich zuerst bei sAWE.tv veröffentlicht, da könnt Ihr gerne auch mal vorbei schauen.

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